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Jahrbuch Polen 2014: Männer

Harrassowitz Verlag

Die Auseinandersetzung mit Männlichkeiten hat auch in Deutschland und Polen in den letzten Jahren zugenommen; sei es die Debatte um die neuen Väter, um Schwierigkeiten, die die Emanzipation der Frauen für Männer mit sich bringt oder die existentialistische Diskussion darum, was ein Mann denn nun sei, wie er sich definieren, auf Merkmale reduzieren lasse. Queere Kontexte fokussieren ihre Betrachtungen auf Herstellungsprozesse von Männlichkeiten. Das ist auch der Aspekt, unter dem ich das vorliegende Jahrbuch Polen 2014 Männer lese. Welche Weisen der Herstellung von Männlichkeiten versammeln sich darin?

Oftmals werden Männlichkeiten darüber definiert, was sie nicht sind: Wir begegnen anstatt einer positiven Bestimmung von Männlichkeit oft einer negativen: Männlichkeit ist oft die Abgrenzung zu dem, was sie nicht ist. Das muss nicht nur – geschlechterdichotom – Weiblichkeit sein, dies können z.B. auch unterlegene Formen von Männlichkeiten sein.

Männlichkeit ist außerdem nicht erst heutzutage in einer Krise, wie in den aktuellen Medien oft behauptet, sondern sie ist immer potentiell gescheitert, in einer latenten Dauerkrise (Glomb: Erinnerung und Identität im britischen Gegenwartsdrama. 1997, S. 2-28). Sie muß sich stets abgrenzend behaupten, was auch einen dauerhaften Angriff auf sie bedeutet und ihren Subjekten Angst vor Verlust ihrer Legitimität machen kann, diese zwingt, sich stets auf Neue zu behaupten (Horlacher: Überlegungen zur theoretischen Konzeption männlicher Identität aus kulturwissenschaftlicher Perspektive. In: Läubli, Sahli (Hg): Männlichkeiten denken. 2011, S.32).

Das Jahrbuch ist also dem Thema Männer gewidmet, redaktionell verantwortet sind Jutta Wierczimok und Andrzej Kaluza. Eine gut gewählte, weil kontroverse Zusammenstellung an Beitrags-AutorInnen (u.a. Agnieszka Drotkiewicz, Andrzej Stasiuk, Peter Oliver Loew) und eine genauso gute Auswahl an ÜbersetzerInnen (u.a. Bernhard Hartmann, Joanna Manc, Sven Sellmer, Renate Schmidgall) ergibt eine Ansammlung verschiedenformatiger Perspektiven (Interviews, literarische Beiträge, historische und kulturwissenschaftliche Zugänge etc.) und verschieden geschlechtlicher und nationaler Betrachtungen von AutorInnen unterschiedlichen Alters und unterschiedlichen Hintergrunds. Die Stärke des Jahrbuchs liegt darin, dass hier nebeneinander wertfrei z.T. diametral angesiedelt zu sein scheinende Haltungen zu Wort kommen; neben traditionelleren und alte Bilder zementierenden Anschauungen gibt es erfrischend differenzierende Betrachtungen, experimentelle Zugänge in Form von Gedichten, Essays.

Das Jahrbuch ist somit unterhaltsame Lektüre für eine gendersensitive Leserschaft, die die aktuellen gesellschaftlichen Debatten in Polen verfolgt. Das Jahrbuch ist streckenweise mit einer Portion Humor und Ironie zu lesen. Vielleicht ist Ironie eine sehr gute Strategie mit einem dermaßen widersprüchlichen und brisanten Thema (brisant, weil es Machtstrukturen angreift) umzugehen: überzeichnen und ad absurdum führen.

Im folgenden werden zwei ausgewählte Beiträge besprochen; zum einen den von Marek Rymsza: Der polnische Ritter gegen Gender und die Welt – zum anderen Anika Keinz‘ Text: „meine“ polnischen Männer. Eine Vorstellung. Was für eine Idee von Männlichkeit(en) liegt dem jeweiligen Text zugrunde?

Rymsza betrauert das „Verschwinden der Ritter“, womit er einen „umfangreichen Verfallsprozess der positiven Bilder von Männlichkeit“ meint (S. 72). Es handele sich um einen gesamtgesellschaftlichen Prozess, der eine Leerstelle produziert hat, die es auszufüllen gilt. Für den Autor gibt es eine positive Männlichkeit – er benennt sie sogar: Der Ritter. Ein Ritter, so Rymsza, zeichnet sich durch folgende Eigenschaften aus: 1. Er setzt sich selbst Grenzen des Konsums (Konsum als „Kreisen um sich selbst“ (S. 80)). 2. Er übernimmt finanzielle Verantwortung für die Familie, wobei die Frau selbst „ohne Druck entscheiden“ können sollte, „ob sie zu Hause bleibt oder erwerbstätig ist“ (S. 80-81). An dieser Stelle möchte ich festhalten: Ein Ritter ist offensichtlich (potentiell) verheiratet und heterosexuell. Verantwortung soll der Mann jedoch über die „Kernfamilie hinaus“ übernehmen – Er soll seiner Frau Freiheiten zu geben. Er verfügt über Freiheiten anderer, befindet sich demnach in privilegierter Position. 3. soll der Ritter sich selbst und anderen gegenüber treu sein (S. 82). Das ist eine von Rymsza komplex verstandene Aufgabe: Der Treuebegriff bezieht sich auf eine „Lebenshaltung“, „die Fähigkeit, Wort zu halten, ein stabiles Familienleben zu führen“ (explizit geht es nicht um Familie im engerem Sinn sondern um auch andere mögliche gemeinsame Lebensformen, wobei nicht weiter eingegangen wird, was damit gemeint ist). Es geht um Treue gegenüber einer bewusst „übernommenen Lebensaufgabe“ (S. 82). Im großen und ganzen plädiert Rymsza, Soziologe am Institut für angewandte Gesellschaftswissenschaften an der Universität Warschau sowie Mitglied im katholischen Laboratorium Więzi, für eine weit begriffene Treue im Sinne eines dadurch gebildeten „Fundaments der wiederentdeckten Männlichkeit“ (S. 82). Der Autor geht von der Existenz einer (positiven) Männlichkeit aus (was wiederum die Existenz einer negativen Männlichkeit impliziert), wobei es die positive wiederzuentdeckende Variante in der Vergangenheit gegeben hat.

Eingehen möchte ich noch auf Rymszas sechsseitige Abhandlung zur „Gender-Ideologie“ (ab S. 73). Er vertritt darin die Auffassung, dass es eben nur zwei Geschlechter gäbe (S. 80) und dass hingegen die „Überzeugungen einer Minderheit“ (gemeint ist der „radikale Feminismus der „dritten Generation““ (S.78)) „von oben herab aufgezwungen und gewaltsam im öffentlichen Raum aufrechterhalten“ würden, was „nicht nur von den Erwartungen, sondern auch von der Lebenserfahrung der Mehrheit abweichen und dem landläufigen gesunden Menschenverstand“ widerspreche. Demnach gibt es auch einen kranken Menschenverstand. Aber der hat mit Ritterlichkeit sicher weniger zu tun. Der Eingangs der Rezension erwähnte negierende Mechanismus von Männlichkeitsproduktion laesst sich in dem Beitrag gut wiederfinden. Ein Ritter ist: nicht homosexuell, nicht konsumorientiert, nicht feige (er übernimmt Verantwortung), nicht single, nicht faul (er hat eine Lebensaufgabe).

Eine anderere Männlichkeitsvorstellung bietet Keinz‘ Auseinandersetzung. Keinz bringt auf sprachlich-reflexiver Ebene eine Verunsicherung mit dem Schreiben zum Thema polnische Männer zum Ausdruck. Es kann eine Stärke sein, Unvollständigkeiten, offene Fragen auszuhalten, vielleicht sogar zu genießen. Keinz stellt vorab die „Existenz“ polnischer Männer, die ihr „zu denken gibt“, massiv infrage (S. 124). Sie sieht sich mit der Essentialisierung, Naturalisierung und Nationalisierung, die mit dem Schreiben über das Thema einhergeht, konfrontiert und nimmt diese Konfrontation zum Anlass ihres Schreibens. Es ist eine Art Collage mit wiederkehrenden und sich erneuernden Bildern, vorrangig einzelner Begegnungen mit polnischen Männern – sei es in Literaturen, auf Zugfahrten, in Internetforen (wobei Frauen über polnische Männer diskutieren) und Filmen aufgegriffen. Keinz wandert durch mediale und reale – aber letztendlich immer vorgestellte – Welten, um als Resultat ihres textuellen Verwirrspiels vorzuschlagen: „Wir brauchen mehr Geschichten, mehr Bilder, mehr Vorstellungen, damit wir sie in all ihrer Vielfalt sehen können“ – die polnischen Männer (S. 132). Kurzum setzt sich ihre Idee von Männlichkeiten zusammen aus subjektiven Begegnungen – jedoch ohne Anspruch, je vollstaendig werden zu wollen, geschweige denn ein positives Leitbild darzustellen. Das sich hinter dem Text befindliche Männlichkeitskonzept gibt sich mit seinem geringen Definitionsdruck durch genaueres Hinsehen nicht nur zufrieden mit der gegenwärtigen Situation sondern begrüßt sie. Anika Keinz ist Juniorprofessorin für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie spätmoderner Gesellschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.

Die gestalterische Komponente des Jahrbuchs ist zu unterstreichen. Agata Endo Nowickas Zeichnungen begleiten das gesamte Jahrbuch in Form von Portraits, eine Zeichnung ist auch auf dem Cover zu finden. Ihre Arbeiten sind erheblich für das Jahrbuch, verändern z.T. seine Aussage. Das Titelbild ist von einem Bruch gekennzeichnet: Ein (ganz und gar nicht stereotyp polnischer) Mann mit Badelatschen und Tennissocken, Einkaufsbeutel, geringelter Wollmütze, Vollbart und Blick auf uns Lesende gerichtet, ist Zentrum des Titelblattes. Umgeben ist er von lose schwebenden Zeichen, die im Widerspruch zu seinem Erscheinungsbild stehen. Bierflaschen, ein Auto, ein in Brand gesteckter Regenbogen, ein Stadion, eine Fabrik usw. Nowicka kontrastiert hier gegenwärtige Stereotype mit einer Idee eines möglichen neuen polniche-Männer-Bildes. Die Aussagen koexistieren, wenn nicht gar harmonieren auf dem Titelbild des Jahrbuches recht gut.

Samanta Gorzelniak